A) Gott4 Alfabet7 und3 sein4 Knecht6 Endlicher9 = 33




Durch Buchstabenkunst wird uns im Leben
Viel Nutzen an die Hand gegeben.
Ja, gar ein Stab zu Gottes Thron.
I

Abraham a Sancta Clara:
Etwas für alle (1699)

 

Der umfassend unendliche Herrgott Allah Faber, kurz: Gott Alfabet spricht zu uns träger Masse in Bildern/Wörtern/Rätseln und zwingt uns seine Lettern auf: aufs Maul nämlich förmlich wörtlich und buchstäblich: Buch für Buch, Stab für Stab bewandern wir, mäandern wir und schlagen uns durch wüste Ländereien, unendliche Litaneien, die ein Stück des Weges mit uns gehen. Wie? Was? (It’s the poetry, stupid!)

Der Herrgott schickt uns seinen Knecht, Knecht Endlicher, der uns füttert mit zarten Lettern in dichter Folge, Rosarien, Abecedarien, wohlsortierte Ware mit meditardierendem Moment, auf dass wir stets mit „offNM munD dM manna dS himmLs NtGgNsehNd vorwärtsGhN, LMNt vRbindNd dR reD dreh findNd, am ND Ndlich lobNd dN hRn und seinN knecht NdlichR, amN.“

Nicht nur wird Dichtung stupide stupende in die weite Welt gesetzt, auch an die weiße Wand wird sie genagelt und in Farbe überführt. „Und das Wort ist fleischfarben geworden und hat über uns gethront.“ Konzepte werden so empfangen und stantipede aufgehängt, aus der Wiege an den Nagel, aus dem Leben an die Wand – jössas, herrjeh.

Die Natur ist sein grosses Buch daraus er die Gleichheit und Ungleichheit aller Sachen suchet und findet, reimet und bindet. Seine Feder ist die Quelle, daraus leichte Reimen Flüssen, sie kann das Papier begiessen mit der Wörter Krafft und Safft, der den Hertzen Freude schafft. II

Als ich darüber nachzudenken begonnen hatte, was mich am Anagrammgedicht anzog, merkte ich, es war die Gleichheit der Zeilen, die mir gefiel. Im Anagrammgedicht setzt sich jede Zeile aus genau den gleichen Buchstaben zusammen, und doch sind alle Zeilen verschieden. III
I am trying to be as commonplace as I can be she used to say to me. IV

Und gerade weil die Differenz von ihrem Wesen her ein Multiplikator von Gleichheit ist, arbeite ich fast ausschließlich mit Zitaten (darunter ein paar Selbstzitate). V

Fettl, Zettel, Hirsch Allein, Deringer, Dörner, Österreicher, Lendtner, Deurer, Ernst Heldentum, Mir, Mich, Deiner, Mein, Dich, Löschl, Hauer, Uridil. VI

Damit wird das Eingreifen der Subjektivität auf ein striktes Minimum beschränkt, was mir vom poetischen Gesichtspunkt die günstigste Voraussetzung zu sein scheint. VII

das Anagramm, dein geisticht arme Magd sagt an: dein Ich ist ein Gramm Dichtang. VIII

Poème timbré nenne ich das Resultat möglichst vielfältiger Sprachentnahmen, sortiert nach ihrem Buchstabengewicht. IX

6.121 [...] Diese Methode könnte man auch eine Nullmethode nennen. X

219/*
die Geschichte ist ent-G-t
auf’m Gegenufer des Kanals
irren Dunstschwaden
er fand niemals, an keinem Tag
Fisch im Wasser (oder: H2O)
nichts und niemand war da
die Sprache geht ans Werk XI

* /Dieses Gedicht ist auch im Deutschen auf 219 gewichtet, die anderen sind unberücksichtigt [sic] ihres Gewichts übertragen: deshalb steht dort die Maßzahl in Klammer (A.d.Ü.)/ XII

Solche gleichzahlige Namen und Sprüche verursachen zu eigentlichen Erfindungen / und sind in den Philosophischen und Mathematischen Erquickstunden zu sehen. XIII

(437)
ich beziffere die Wörter nach einem einfachen Prinzip
was haben Sie neues veröffentlicht?
die erneute Öffnung der lyrischen Wasserhähne
geriffelte Splinte mit stetigen Riefen
das Grün von tausend Jahren verstärkt sich durch den Schnee
Constable malt Wolken, Regen und Wind XIV

Ich beziffere die Wörter nach dem einfachen Prinzip A = 1, B = 2, C = 3, usw. XV

Wann ich nun einen Namen habe / so finde ich einen Spruch / der mit denselben / gleiche Zahlen führet.
Jesus ist Christus 218
bringet
Unser Helffer und Heile 218 XVI

Ich wiege die Wörter und die Sätze, indem ich das Gewicht ihrer Lettern addiere. XVII

6.121 [...] Im logischen Satz werden Sätze miteinander ins Gleichgewicht gebracht und der Zustand des Gleichgewichts zeigt dann an, wie diese Sätze logisch beschaffen sein müssen. XVIII

Alle Verse eines
Poème timbré bringen das gleiche Gewicht auf die Waage, alle sind nach Maßgabe der gleichen Ziffer angeordnet. XIX

6.122 Daraus ergibt sich, daß wir auch ohne die logischen Sätze auskommen können, da wir ja in einer entsprechenden Notation die formalen Eigenschaften der Sätze durch das bloße Ansehen dieser Sätze erkennen können. XX

TRAINBLEUSO
NBUTSOLAIRE
BLUETRAINSO
LAURITESOBN
UBILANT

Blue Train
(son but solaire)
Blue Train
Sol au rite s’obnubilant. XXI

und daß darauf zu achten ist, daß nicht das Denken auf eine Weise durch das „System verbaler Zeichen“ gesteuert „wird“, daß es sozusagen beginnt „vorbeisteuern“ an Inhalten, wie sie von Wirklichkeiten vielfältigst zum „Entstehen wie Werden, Vergehen“ hinbewegt werden. XXII

TOBREVIERSCHREIVERBOT XXIII

sch: 1. ruhig!, still! XXIV

Schar|nier|ge|lenk, das; -[e]s, -e (Anat.): Gelenk (a), das Bewegungen nur um eine Achse zulässt. XXV

Rotation um die Ich-Achse XXVI

DOGMA I AM GOD
XXVII


E) Knecht6 Alfabet7 und3 sein4 Gott4 Endlicher9      = 33


Endlicher ist der der ist u. n. v. a. m. 1
Endlicher ist der da ist u. n. v. a. m. 2
Endlicher ist der der zählt 2 3 4 3
Endlicher ist der erzählt 2 3 4 4

Der Endliche und der Unendliche tauschen Platz: Endlicher gibt an und ab – an Buch & Stabe, (fauler Knabe), an Wort und Zahl (Qual der Wahl) und ab die Post (prost!) Die Post-konzeptuelle Kutschenfahrt führt spritzend und mit Fritzelacke durch Schlamm und Farbe an die Wand: NNNNNNNJAOOOO 5 – jössas, herrjeh.

Der Kutscherherrgott Endlicher fährt die Karosserie voran und spricht sich und dem der die da kommen möge Mut und Ruhe zu: Ich bin der ich bin – ruhig Blut! 6 Du bist der du bist – nur zu! 7 usw. usf. Um die MESSAGE69 zu verstärken, wird sie monochromatisch versilbert, automagisch verspiegelt und von künstlicher Hand in nackte Bleche einmassiert, aus dem Körper ausgestoßen, in den Äther transferiert um in All und WWW69 für Ruhe, WEALTH69, Gesundheit 8 sowie Kunst 9 zu sorgen.

Buchstapler Endlicher zählt sein Inventar: A, B, C, D, E wie Endlicher und stapelt A, B, C, D, E, F, G, H, I, J, K zu Kunst, KUNST85 wird zu SCHICKSAL85, dessen URTEIL85 wiederum heißt: KUNST85. Wie kommst du da je je je je wieder gesund und lebend raus, Endlicher, fragt nun Knecht Herrgott Alfabet Endlicher – da antwortet A.E. mit fester Stimme:


Gesundheit ist eine Frage des Willens.
Ich bin ganz ruhig.
I am Joseph Kyselak.

Ich bin um Lichtjahre gesünder als der Mensch von der Straße.
Ich atme leicht und ruhig.
I am Brigitta Falkner.

Meine Werte sind durch die Blutbank exzellent.
Ich denke leicht und smart.I am John Zorn.

Ich überprüfe sie viermal im Jahr.
Ich rechne leicht und richtig.
I am Johann Bergl.

Durchuntersuchen statt Kreuzfahrt buchen!
Ich spreche laut und deutlich.
I am Christo and Jeanne-Claude.

Ich halte mich immer zurück.
Ich verdaue laut und gründlich.
I am Graham Gillmore.

Ich trinke nicht.
Ich spiele gern und erfolgreich.
I am August Walla.

Ich rauche nicht.
Ich kann und will es nicht lassen.
I am Otomo Yoshihide.

Ich esse kein Fleisch.
Ich kann meinen Ärger für mich behalten.
I am Wolf Erlbruch.

Süßes kann mich nicht verführen.
Ich lasse mich nicht von Bildern einschüchtern.
I am David Carson.

Ich esse Grundnahrungsmittel von Bauern meines Vertrauens, ich esse selbst Gezogenes oder ich esse – nicht.
Ich vertraue dem Wort.
I am Pablo Picasso.

Ich bin gesund. Ich bin total gesund. Ich bin so gesund, dass es andere krank macht.
Ich vertraue niemandem.
I am Bruce Nauman.

Mein Herz ist austrainiert. 10
Ich bin ganz ruhig. 11
I am Oskar Werner.  12


Na dann, kann dir ja nichts passieren, sprach der Unendliche zu seinem nackten, doch wortgewandten Knecht: du bist ein großer Künstler! Danke, sprach darauf der Endliche, ich tue mein Bestes. Was sage ich, ein großer – ein zeitloser! 13 Und ein plurifakter noch dazu! 14

Herr Ober-Narrator, Sie gelten hierzulande als Pionier, denn Sie haben als erster die Textproduktion radikal auf Recycling umgestellt. Erfüllt es Sie mit Stolz, daß Ihr Beispiel vielfach Schule macht?
Für mich steht im Zentrum eine wertorientierte Textpolitik.
XXVIII

Was will man uns hier weismachen? XXIX

Alles nur zum Wohle der Leser, versteht sich. tongue tongue verlängert nicht die Arbeit des Lesers ohne seinen Lohn zu erhöhen. XXX

Die aktive Rolle des Leser-Betrachters bzw. des Diskurses überspitzte BB vor einigen Jahren in einem seiner „Action teachings“. Er ließ dem Publikum an der Kasse öS 30.- ausbezahlen, nicht nur um auf dessen fundamentale Rolle als Rezipient/inn/en und auf den Rezeptionsprozeß als Arbeit zu verweisen, sondern XXXI

Was zählt, ist der methodische und ästhetische Mehrwert und, vielleicht noch wichtiger, die Perspektive für einen über-durchschnittlichen Erkenntnisgewinn in der Zukunft. XXXII

Der Lesende ist jederzeit bereit, ein Schreibender zu werden. Als Sachverständiger, der er wohl oder übel in einem äußerst spezialisierten Arbeitsprozeß werden mußte – sei es auch nur als Sachverständiger einer geringeren Verrichtung -, gewinnt er einen Zugang zur Autorenschaft. XXXIII

das UNSCHULDSLAMM XXXIV

Prof en cours particuliers, guichetier à la banque, serveur chez McDo, standardiste et réceptionniste dans une clinique privée, stagiaire dans la communication, journaliste pendant mon service militaire; XXXV

das Lullus’
Ars Magna las ... XXXVI

Mönche und Nonnen in mittelalterlichen Klöstern unterwarfen sich in masochistischer Nachahmung der Leiden Christi als „Knechte Gottes“ einer Zucht und Ordnung, deren Askese und deren strenge Tageseinteilung XXXVII

Tag um Tag, Punkt acht Uhr das Buch zuschlug XXXVIII

vielfach als Vorläufer späterer Fabriksdisziplin XXXIX

... zur Nahrungszufuhr antrat, Dagmars Hausmannsfraß aß, XL

und einer abstrakten „betriebswirtschaftlichen“ Zeitrechnung beschrieben worden sind. XLI

Poesie offenbart sich in einem solchen Kontext als Chance. XLII

poieio I) 1) zustande bringen, veranlassen im weitesten Sinne, machen, stiften, veranstalten, leisten usf. Bes. ° a) opfern ° b) dichten XLIII

Nach Jahr und Tag wiederholen sich die währenden Kalender
im Terminus, tausendgeläufig und gegenläufig entfernt um einen Tag. Bis zum Ende meiner Tage fehlte noch ein volles Leben zum ganzen. XLIV

3) tun, handeln, wirken, gelten, verrichten, vorhaben, leisten, sich Mühe geben, II) 1) sich od. für das Seinige etwas schaffen, machen, bewerkstelligen, erzeugen, bauen XLV

Das, was durch Arbeit geschaffen werden konnte, wurde vielmehr zum Ausgangspunkt immer neuer Arbeit gemacht, XLVI

....

[ad libitum]

_____________________________
I Abraham a Sancta Clara: Etwas für alle [Würzburg 1699, o.S.], in: Abraham a Sancta Clara 1986, 16.
II Poët, Poëterey, in: Georg Philipp Harsdörffer 1653, 377f.
II Michelle Grangaud 1998, 37f.
IV Gertrude Stein [1933] 1966, 243.
V Michelle Grangaud 1998, 37f.
VI Ernst Herbeck 1992, 103.
VII Michelle Grangaud 1998, 37f.
VIII Unica Zürn: Das ist ein Anagrammgedicht [*1960], in: Unica Zürn 1988, 92.
X Ludwig Wittgenstein [1921] 1963, 97.
XI Michelle Grangaud / Stefan Barmann 1998, 39.
XII Stefan Barmann in: Grangaud/Barmann 1998, 39.
XIII Georg Philipp Harsdörffer 1653, 72.
XIV Grangaud/Barmann 1998, 41.
XV Grangaud/Barmann 1998, 37.
XVI Georg Philipp Harsdörffer 1653, 72.
XVII Michelle Grangaud / Stefan Barmann 1998, 37.
XVIII Ludwig Wittgenstein [1921] 1963, 97.
XiX Michelle Grangaud / Stefan Barmann 1998, 37.
XX Ludwig Wittgenstein [1921] 1963, 97.
XXI Georges Perec 1985, 12.
XXII Marianne Fritz 1985, 8.
XXIII Brigitta Falkner 1998, [Titel]
XXIV Duden (7) 1999, 3303.
XXV Duden (7) 1999, 3325.
XXVI Deleometer 2008, i.
XXVII André Thomkins, zit. in: Elfriede Czurda 1995, 105.

1  ME: Ich bin, der ich bin, 2008.
2  ME: I am Gerhard Richter, 2011 ff.
ME: Dramenbleche, 2005 ff.
4  ME: Dramenbleche, 2005 ff.
ME: Nummernbleche, 2006 ff.

6  ME: Automagics, 2007 ff.
7  ME: Automagics, 2007 ff.
8  ME: Ich bin total gesund, 2013
9  ME: Definitiv: Kunst! Von Arcadientia bis Zölltrophismus, 2011 ff.
69 ME: Wortverwandtschaften determinierter Zufälle, 2005 ff.
85 ME: Wortverwandtschaften ... , 2005 ff.
10 ME: Ich bin total gesund., Litanei #8, 2013.
11 ME: Ich bin ganz ruhig, Litanei #1, 2007.
12 ME: I am Gerhard Richter, Litanei #7, 2011.
13 ME: Ich bin, der ich bin., Litanei #2, 2008.
14 ME: Ich bin ein plurifakter Künstler., Litanei #3, 2010.

XXVIII tongue tongue hongkong 1997a, 11f.
XXIX Michael Endlicher 2009, i. http://www.endlicher.at/new/worte.php?lng=de&view=133&refid=1
XXX tongue tongue hongkong 1997a, 12.
XXXI Eva S.-Sturm 1996, 78.
XXXII tongue tongue hongkong 1997a, 12.
XXXIII Walter Benjamin 1996 33 [*1935/36].
XXXIV Brigitta Falkner 2001, 99, (XV/32 + XV/34).
XXXV Bericht von Phillippe Fleury in: Anne Rambach / Marine Rambach 2001, 93f.
XXXVI Brigitta Falkner 2001, 99, (XV/32 + XV/34).
XXXVII Manfred Füllsack 2002, 46.
XXXVIII Brigitta Falkner 2001, 99, (XV/35).
XXXIX Manfred Füllsack 2002, 46.
XL Brigitta Falkner 2001, 99, (XV/35).
XLI Manfred Füllsack 2002, 46.
XLII Christian Reder: Michael Endlicher: Linguistic Turns, 2005, i. http://www.endlicher.at/new/worte.php?lng=de&view=11&refid=2
XLIII Benseler 1994, 641f.
XLIV Oswald Egger 1999, 173.
XLV Benseler 1994, 641f.
XLVI Manfred Füllsack 2002, 46.

        aus: Lucida Console (cum Endlicher), S. 223-225 und 243-246, ND 2004 ff.



Natalie Deewan, 2014